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150 Jahre Johannesstift – mehr als ein Stück Lokalgeschichte

21.04.2008

Eine der traditionsreichsten diakonischen Einrichtungen feiert sein 150. Bestehen: Am 25. April 1850 gründet der Hamburger Theologe Johann Hinrich Wichern in Berlin das Evangelische Johannesstift. Der Historiker Helmut Bräutigam, Leiter des Historischen Archivs des Johannesstifts, porträtiert in seinem Buch „Mut zur kleinen Tat“ die wechselvolle Geschichte dieser Einrichtung.

Ihr Buch „Mut zur kleinen Tat“ ist im gerade erschienen. Darin geht es um die Geschichte des Berliner Johannesstifts. Wie kam es zu dem Titel?
Bräutigam: „Mut zur kleinen Tat“ ist angelehnt an ein Wichernzitat. Wichern wollte damit zum Ausdruck bringen, dass es des Mutes zum ersten Schritt, des Mutes ins Ungewisse hinein bedarf, um etwas bewegen zu wollen und zu können. Die „kleine“ Tat: Wichern liebte das Gleichnis vom Senfkorn. In seiner Gründungsrede erwähnt er es. Er verband damit eine bewegliche und dynamische Konstruktion, die Raum für alternative Entwicklungsmöglichkeiten lässt – ein durchaus moderner Ansatz.

Was hat Sie daran gereizt, die Geschichte dieser diakonischen Einrichtung aufzuarbeiten?
Bräutigam: Die Geschichte des Johannesstifts ist viel mehr als Lokalgeschichte. Wichern sah das Johannesstift in einer nationalen Perspektive. Zwar haben sich viele seiner Erwartungen nicht erfüllt. Aber im Mikrokosmos, den das Johannesstift darstellt, begegnen nicht nur 150 Jahre Berliner Diakonie- und Kirchengeschichte im engeren Sinne, sondern auch 150 Jahre deutsche Sozial- und politische Geschichte, denkt man etwa an das Johannesstift in den 1920er Jahren.

150 Jahre Johannesstift: Wo haben Sie Schwerpunkte gesetzt?
Bräutigam: Dort, wo die „historische Mitte“ des Johannesstifts liegt, in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen. In diesen Jahren endet die Geschichte des Stifts als bürgerliches Internat, steht es vor dem Ruin, mausert sich zum evangelischen Bildungszentrum, definiert seine Arbeit diakonisch neu und wird eingeschränkt durch die Ereignisse im Dritten Reich. In diesen Jahren formt sich die Struktur, die – im Grundsatz wenigstens – auch heute noch das Profil des Stifts ausmacht.

Gibt es besondere Meilensteine in der Geschichte des Johannesstifts?
Bräutigam: Zwei Daten fallen besonders ins Auge: 1910 und 1926. 1910 wechselte das Stift seinen Standort. Es zog von Plötzensee nach Spandau. 1926 wurden die Schwerpunkte der diakonischen Arbeit im Johannesstift neu definiert: Alten-, Jugend- und Behindertenhilfe. Daneben sollte das Johannesstift ein Zentrum der evangelischen Bildungsarbeit werden; ein Arbeitsschwerpunkt, der freilich nicht von Dauer sein durfte. Aber neben Wichern traten in dieser Zeit als geistige Väter des Johannesstifts Friedrich von Bodelschwingh und Adolf Stoecker.

Wie lange haben Sie für das Buch recherchiert?
Bräutigam: Das begann gewissermaßen 2002, als ich begonnen habe, das Historische Archiv des Johannesstifts aufzubauen und seine Bestände zu erschließen.

Wie viele Akten haben Sie dafür ausgewertet?
Bräutigam: Ich habe sie nicht gezählt. Das historische Archiv hat ja eine Menge zu bieten, es gibt ja allein rund 2.000 Akten der Schwestern- und Brüderschaft. Und auch in anderen Archiven wurde ich fündig.

Gab es dabei besondere Fundstücke?
Bräutigam: Einige Dokumente haben mich stark beeindruckt. Ein paar Beispiele: Wicherns letzter Brief an das Kuratorium aus dem September 1879. Damals war Wichern bereits ein todkranker, von Schlaganfällen gezeichneter Mann, der sich ganz wieder auf seine Anfänge zurückgezogen hat, dessen Welt wieder klein geworden ist. Mit zittriger Hand unterzeichnet er: „Vorsteher des Rauhen Hauses“, wo er zu diesem Zeitpunkt doch auch noch Vorsteher des Johannesstifts war. Oder man denke an die dramatischen Auseinandersetzungen um die Trennung der Brüderschaft vom Rauhen Haus – zwei dicke Akten voll von Ränken und bisweilen auch von Rechtsbrüchen. Die Liste bemerkenswerter Dokumente ließe sich fortsetzen.

Sind Sie bei der Recherche auf dunkle Kapitel der Einrichtung gestoßen?
Bräutigam: „Dunkle Kapitel“ in der Geschichte einer diakonischen Einrichtung sind ja vor allem solche, in denen der diakonische Auftrag und die christliche Grundlage in Frage standen, aufgeweicht oder verzerrt wurden. Dazu gehört die NS-Zeit, denn Schuld und Verstrickung sind auch im Johannesstift zu finden. Ursache waren die weltanschaulichen Schnittmengen, die der Nationalprotestantismus mit dem Nationalsozialismus teilte. Kein Ruhmesblatt ist etwa die antisemitische Gesinnung des für die Stiftsgeschichte so bedeutenden Stiftsvorstehers Wilhelm Philipps des Älteren, der das Stift in Spandau neu aufbauen ließ.

Wie ist das Johannesstift zum Beispiel mit der „Euthanasie“ der Nazis umgegangen?
Bräutigam: Man befand sich in einem Dilemma. Auf der einen Seite stand das Gebot des Glaubens, das Leben jedes Bewohners zu bewahren, auf der anderen Seite fürchtete man staatliche Repressalien. Wie reagierte man? Man verlegte Patienten in die Familien zurück oder in Heime, in denen sie vor dem Zugriff der Euthanasiebehörden geschützter waren. Als einige Patienten in die Heilstätte Wittenau zwangsverlegt wurden, bemühte man sich – im ganzen erfolgreich – die Patienten zurückzuholen. Allerdings: Um dem Druck des NS-Staates zu entgehen, entschied man sich, keine Patienten mehr aufzunehmen, die in das Euthanasieerfassungsraster passten.

Wie nahe sind Sie dabei dem Gründer der Einrichtung, Johann Hinrich Wichern, gekommen?Bräutigam: Wichern ist in seiner Energie und Hartnäckigkeit, einen Plan zu verfolgen, die Dinge voranzubringen und mit einer Vision zu verbinden, bemerkenswert. Bemerkenswert ist auch seine Fähigkeit, Netzwerke zu schaffen. Aber Wichern begegnet in der Geschichte des Johannesstifts als eine Person, die einerseits in mancher Hinsicht mit dem Stift sein Lebenswerk vollenden wollte, andererseits an die Grenzen des ihm Möglichen gestoßen ist. Es zeigt sich, dass Wichern eigentlich ein Mann der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewesen ist. So nahm die Entwicklung des Johannesstifts einen etwas anderen Weg als den, den Wichern geplant hatte. Aber, und auch das ist bemerkenswert an Wichern: Er ließ sich von den Schwierigkeiten nicht entmutigen, er gab seinen Plan, in Berlin ein Brüderhaus zu gründen, nicht einfach auf, als sich seine ursprünglichen Vorstellungen nicht durchsetzen ließen. Er glaubte ans Senfkorn – und wer weiß? Vielleicht würde er sich durch die 150 Jahre Johannesstiftsgeschichte bestätigt fühlen.

Die Fragen stellt Ute Burbach-Tasso

Mehr zur Geschichte des Johannesstiftes finden Sie unter
http://www.johannesstift-berlin.de/