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Mitten im Leben - 200 Jahre Johann Hinrich Wichern

18.04.2008

Das Diakonische Werk der EKD hat 2008 zum Wichernjahr erklärt. Damit will es an den 200. Geburtstag des Hamburger Theologen Johann Hinrich Wichern erinnern, der als Begründer der modernen Diakonie gilt. Er bündelte 1848 die vielen kleinen und größeren Initiativen der Inneren Mission zum „Central-Aussschuss der Inneren Mission“. Daraus entwickelte sich einer der größten Wohlfahrtsverbände Deutschlands, das heutige Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland. 

Johann Hinrich Wichern erblickt am 21. April 1808 in Hamburg St. Georg als Ältester von sieben Kindern das Licht der Welt. Er wächst in bescheidenen Verhältnissen auf. Der Vater ist vom Kontor-Schreiber zum Notar aufgestiegen. Der Sohn besucht erst die private Bürgerschule, dann das „Johanneum“-Gymnasium.

Johann Hinrich ist 15 Jahre alt, als sein Vater stirbt und er die sechs Geschwister mit durchbringen muss. Er gibt Nachhilfestunden als Hauslehrer. Zwei Jahre später erlässt er die Schule (Zeugnis: „reger Eifer für alle Gebiete der Wissenschaft und ausdauernder Fleiß“), weil er als Erziehungsgehilfe an einem christlichen Schülerinternat für höhere Stände arbeiten kann. Über diese Schule kommt er mit meist wohlhabenden Menschen aus der evangelischen Erweckungsbewegung zusammen, die ihm den Schulabschluss und das Theologiestudium ermöglichen.

Er geht zunächst nach Göttingen; sein Lehrer ist der Theologe Friedrich Lücke, der zwischen protestantischen Richtungen vermittelte. In Berlin studiert er beim Kirchenhistoriker August Neander, hört bei Friedrich Schleiermacher und Friedrich Hegel. Dort begegnet er dem Mediziner und Gefängnisreformer Nikolaus Heinrich Julius und dem führenden Kopf der Erweckungsbewegung Baron von Kottwitz, der eine „Freiwillige Armenbeschäftigungsanstalt“ leitet.

1831 legt Wichern in Hamburg sein Theologieexamen ab und wird Oberlehrer der
Sonntagsschule für Arbeiterkinder in St. Georg. Er gehört einem Besuchsverein an, der in den Armenvierteln häusliche Verhältnisse erkundet und hautnah die dort herrschende Not erlebt. „Hamburgs wahres und geheimes Volksleben“, heißt seine Reportage. Der Verein gründet eine „Rettungsanstalt für sittlich verwahrloste Kinder“ im „Rauhen Haus“, einer Kate mit viel freiem Gelände darum herum. Wichern wird der Leiter. Jahr für Jahr entstehen neue Häuser, immer mehr Kinder werden aufgenommen.

Die Erziehungsarbeit folgt in Anlehnung an den Pädagogen Pestalozzi dem Motto: „Freie Kinder in einer freien Familie“. Die „Zöglinge“ leben in familienähnlichen Gruppen in einem Haus, werden unterrichtet und zu Handwerkern ausgebildet. In der Mitte steht die christliche „Botschaft vom Evangelium der Liebe“, die die Jugendlichen zu „selbständigen Bürgern im Reich Christi“ machen soll. Wicherns Arbeit beruht auf „vier auf göttlicher Stiftung beruhenden Faktoren“: Familie, Schule, bürgerliche Arbeit, Kirche. „Gebet und Arbeit gehören unlöslich zusammen“, lautet ein Leitsatz.

Die „Fliegenden Blätter“ aus dem Rauhen Haus (seit 1844) verbreiten seine Vorstellungen von der Mission im Inland und den sich der Kirche aufdrängenden sozialen Fragen. Nur wenige seiner Zeit suchen nach einer christlichen Antwort auf die Umwälzungsprozesse. Er kritisiert die Kirche, weil sie die Not der verarmten Handwerker und des sich bildenden Industrieproletariats nicht als die eigene Sache sieht.

Auf dem 1. Kirchentag in Wittenberg 1848 ruft er zur Missions- und Sozialarbeit auf: „Es bedarf einer Reformation aller unserer innersten Zustände. Die rettende Liebe muss [der Kirche] das große Werkzeug werden.“ Der neue „Centralausschuss für die Innere Mission“ wird 1849 Leitungsorgan aller diakonischen und missionarischen Einrichtungen der Kirche. Wichern verfasst die Reformschrift: „Die innere Mission der dt. ev. Kirche. Eine Denkschrift an die deutsche Nation“.

1857 wird Wichern als Gefängnisreformer ins preußische Innenministerium berufen, wird Oberkonsistorialrat in Berlins Oberkirchenrat, 1858 wird Wichern Präsident des „Central-Ausschusses für Innere Mission“. Im Zuge seiner beabsichtigten Reform des Gefängniswesens gründet Wichern das Johannesstift als Ausbildungsstätte für Diakone. Der Gefängnisreformer Wichern scheitert jedoch. Preußens Behörden lehnen Einzelhaft ab, die Straftätern Buße und Umkehr ermöglichen soll, ebenso qualifiziertes Ausbildungs- und Aufsichtspersonal – hier hatte Wichern Diakone vorgesehen.

In Preußens Kriegen 1864, 1866 und 1870/71 baut er eine Felddiakonie auf. Mit genossenschaftlicher Arbeiterselbsthilfe, mit dem Bau von Wohnungen und Sparläden will er Mittellose aus der Armut reißen. 1874 erleidet der rastlose Reformer einen Schlaganfall und muss sich aus der Arbeit zurückziehen. Er stirbt nach langem Leiden am 7. April 1881.

Karl-Heinz Baum © Pressestelle Diakonie Bundesverband