Das Johannesstift in Bielefeld-Schildesche als historischer Lernort
Autor/Autorin: Bärbel Thau
Das Johannesstift – Rettungshaus für Kinder und Jugendliche
1852 gründeten die Pastoren Johann Hinrich Volkening (1796–1877) und Clamor Huchzermeyer (1809–1899) in Schildesche bei Bielefeld ein Rettungshaus für „verwahrloste“ Kinder. Beide Pfarrer waren prägende Persönlichkeiten der Minden-Ravensberger Erweckungsbewegung, deren Anhänger ein lebendiges Christentum forderten und sich durch ihr besonderes soziales Engagement auszeichneten. Das Rettungshaus, das den Namen Johannesstift erhielt, nahm gefährdete Kinder und Jugendliche aus der Region Westfalen auf, um sie in einem bewusst christlichen Sinn zu erziehen und zu „brauchbaren Gliedern der menschlichen Gesellschaft heranzubilden“.
Das ländlich strukturierte Westfalen war in der Mitte des 19. Jahrhunderts besonders von den Auswirkungen der Industrialisierung betroffen, die eine Auflösung der alten Gesellschaftsordnung bis in die Familien hinein bewirkte. Viele Angehörige der landlosen Unterschichten lebten von der Handspinnerei und –weberei, die im eigenen Haushalt betrieben wurde.
Als in den 1840er und 50er Jahren die ersten Maschinenspinnereien und Mechanischen Webereien in Bielefeld gegründet wurden, verarmten viele Spinner- und Weberfamilien, deren Produkte nicht mehr konkurrenzfähig waren. Die traditionellen Systeme der Armenversorgung waren nicht mehr tragfähig und vor allem die Not hungernder und verwahrloster Kinder wurde augenfällig.
Vor diesem Hintergrund entwickelte sich hauptsächlich im östlichen Westfalen die Erweckungsbewegung zu einer starken evangelischen Frömmigkeitsbewegung, die soziale, kulturelle und religiöse Verhaltensnormen der ländlichen Bevölkerung prägte. Erweckte Christinnen und Christen wollten die als tiefgreifende Krise erlebten gesellschaftlichen Zustände durch eine Hinwendung zum Glauben reformieren und gründeten zahlreiche Einrichtungen für Kinder, die von ihren Eltern nicht mehr ausreichend versorgt werden konnten.
Vorbild für diese Rettungshäuser war das 1833 von Johann Hinrich Wichern (1808-1881) in Hamburg gegründete „Rauhe Haus“. Beeindruckt von den verheerenden Auswirkungen der Armut auf die Kinder in den Hamburger Arbeitervierteln hatte Wichern zunächst diese Rettungsanstalt ins Leben gerufen, und später ein Programm der Inneren Mission entwickelt, das gesellschaftliche Missstände erkennen und überwinden sollte. Seine berühmte Rede auf dem Wittenberger Kirchentag 1848, in der er zu mehr sozialer Verantwortung aufrief, hatte Hunderte von Rettungshausgründungen in Deutschland zur Folge.
In Schildesche stand für das Projekt „Rettungshaus“ ein ca. zwei Hektar großes Grundstück zwischen der Stadt Bielefeld und dem Dorf Schildesche zur Verfügung. Öffentliche Gelder oder andere staatliche Unterstützung gab es nicht. Der Bau des ersten Wohnhauses wurde ausschließlich durch Spenden engagierter Bürgerinnen und Bürger finanziert. Im Lauf der Jahre kamen zu dem ersten 1852 eingeweihten Gebäude weitere Wohnhäuser für die Kinder und das Personal, ein Betsaal, eine Turnhalle, Werkstätten und verschiedene Wirtschaftsgebäude hinzu.
Ein großer Teil des Geländes wurde landwirtschaftlich genutzt. Schließlich konnten rund 200 Kinder in das Johannesstift aufgenommen werden. Die Kinder wurden entweder von Eltern, Angehörigen oder Vormündern in die Anstalt gegeben, oder per Gerichtsbeschluss eingewiesen, wenn sie eine Straftat begangen hatten.
1932 musste die Erziehungsarbeit aus finanziellen Gründen eingestellt werden, da der Staat die der Jugendfürsorge zur Verfügung stehenden Mittel im Zuge der Wirtschaftskrise drastisch gekürzt hatte. Das Johannesstift wurde zum Alten- und Pflegeheim umstrukturiert. Heute gehört das Johannesstift zum Ev. Johanneswerk e.V., einem diakonischen Dachverband mit Einrichtungen in ganz Nordrhein-Westfalen. Auf dem Gelände befinden sich u.a. drei Alten- und Pflegeheime, zwei Kindertagesstätten und ein Allgemeinkrankenhaus.
Methodische Überlegungen
Das Unterrichtsvorhaben beginnt mit einem Historischen Spaziergang durch das Stiftsgelände. Aus der Rettungshaus-Zeit stehen dort noch sieben Gebäude (zwei Wohnhäuser, das Schulgebäude, der Betsaal, die Turnhalle, das Küchengebäude und das Wohnhaus des Anstaltsleiters), die von den Schülerinnen und Schülern erkundet werden können.
Der Rundgang kann als Führung organisiert, oder auch von den Lehrerinnen und Lehrern mit der Klasse selbst durchgeführt werden, da alle Gebäude beschildert sind, und es einen schriftlichen Führer gibt. Die Begegnung mit den historischen Bauwerken bietet unmittelbare Anschaulichkeit und verdeutlicht den Schülerinnen und Schülern, dass Spuren historischen Alltags sich auch in ihrer Umgebung befinden.
Allerdings bedeutet die gegenständliche Nähe keinen direkten Zugang zu der Vergangenheit, in der die Gebäude für bestimmte Zwecke errichtet wurden. Zwar befinden sich die Häuser noch an ihrem ursprünglichen Standort, aber ihre Funktion und ihre Umgebung haben sich derart verändert, dass alte Zusammenhänge nicht durch die reine Betrachtung rekonstruierbar sind.
Es ist deshalb wichtig, dass in der Führung der Zeitraum und die Sachzusammenhänge dargestellt werden, in deren Rahmen die Gebäude errichtet wurden, um einen Zugang zu der historischen Lebenswelt, die sie repräsentieren, zu finden. Die Gründung des Rettungshauses vor dem gesellschaftlichen Hintergrund der Industrialisierung und im Zuge einer zeitgenössischen religiösen Bewegung konkretisiert wichtige Prozesse und Entwicklungen in der Region Westfalen; gleichzeitig veranschaulicht sie jedoch auch exemplarisch zentrale Elemente der allgemeinen Geschichte.
Es bietet sich an, vor dem Historischen Spaziergang die Themen Industrialisierung und Erweckungsbewegung anhand der einschlägigen Literatur mit den Schülerinnen und Schülern ausführlicher zu behandeln.
Die Besichtigung der einzelnen Gebäude wird zum Anlass genommen, das Alltagsleben auf dem Gelände und die Biographien einiger Kinder beispielhaft zu schildern. So wird deutlich, welche Auswirkungen übergreifende Prozesse in der Strukturgeschichte auf das Leben von Kindern und Jugendlichen hatten.
Da es sich um Kinder handelt, die der Unterschicht angehörten, wird hier gleichzeitig die historische Lage einer gesellschaftlichen Gruppe thematisiert, die sonst in der Geschichte nur am Rande vorkommt. Die erzählerische Begegnung mit historischen Personen weckt außerdem die Neugier und das Interesse der Schülergruppe, hinter deren Schicksal Strukturen der Zeitgeschichte zu erkennen und zu entdecken. Einige Häuser, die noch erhalten sind, verweisen auf wichtige Elemente der Rettungshaus-Pädagogik. So symbolisiert z. B. der Betsaal die religiöse Dimension der Erziehung im Johannesstift.
In einem nächsten Schritt ist der Historische Spaziergang Ausgangs- und Anknüpfungspunkt für weiteres forschendes und handlungsorientiertes Lernen, in dem die Führung durch die Arbeit mit bildlichen und schriftlichen Quellen ergänzt und vertieft wird. Über das Johannesstift liegt transkribiertes Quellenmaterial (Materialien 1-9) vor, das von den Schülerinnen und Schülern benutzt werden kann. Es handelt sich überwiegend um Auszüge aus Schriftstücken, die im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Gründung und Führung des Johannesstifts entstanden sind. Die Quellen ermöglichen nicht nur einen umfassenden Blick auf die historische Lebenswelt „Rettungshaus“, sondern bieten auch einen intensiven Zugang zur Allgemeingeschichte. Spuren vergangenen Alltags weisen über die Detailstudie hinaus auf ihre Verknüpfung mit überregionalen sozialen und historischen Zusammenhängen hin.
Darüber hinaus kann die Schülergruppe aber auch in den Archiven selbst nach Spuren der Stiftsgeschichte stöbern. Das Ev. Johanneswerk verfügt über ein eigenes Archiv, in dem Archivalien des Johannesstifts aufbewahrt werden. Es befinden sich jedoch auch Quellen zum Johannesstift z. B. in den Staatsarchiven Münster und Detmold. Falls das hier vorgestellte Unterrichtsvorhaben auf andere historische Orte übertragen wird, wird in der Regel in den regionalen Archiven Quellenmaterial vorhanden sein.
Literatur:
Emer, Wolfgang und Uwe Horst, Die Region im Geschichtsunterricht. Zur Theorie und Praxis eines didaktischen Konzepts, in: Ein Haus für die Geschichte, hrsg. von Johannes Altenberend, Bielefeld 2004, S. 489-514.
Haupert, Bernhard und Franz Josef Schäfer, Ein neues Fenster zur Vergangenheit. Fotos als Quellen im Geschichts- und Politikunterricht, in: Thomas Lange (Hg.), Geschichte selbst erforschen. Schülerarbeit im Archiv, Weinheim; Basel 1993, S. 159-177.
Hey, Bernd, Museen, Archive und historische Stätten als außerschulische Lernorte. Zum Begriff der historischen Exkursion, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 1/1980, S. 30-40.
Jüllig, Carola, Zwischen Rettungshaus und „Fürsorgehöllen“, in: Die Macht der Nächstenliebe, hrsg. von Ursula Röper und Carola Jüllig, Berlin 1998, S. 182-191.
Peukert, Detlev, Grenzen der Sozialdisziplinierung: Aufstieg und Krise der deutschen Jugendfürsorge von 1878-1932, Köln 1986.
Thau, Bärbel, Das Rettungshaus in Schildesche von 1852 bis 1877. Christliche Anfänge der Jugendfürsorge, in: Mooser, Josef u.a., Frommes Volk und Patrioten. Erweckungsbewegung und soziale Frage im östlichen Westfalen 1800 bis 1900, Bielefeld 1989.
Vorschläge für die Arbeit mit den Materialien
Quellen 1 und 2
- Schildern Sie, welchen Eindruck der Tagesablauf der Kinder auf Sie macht.
- Stellen Sie zusammen, welche Schwerpunkte in der Alltagsgestaltung erkennbar sind.
- Wie viel Freiraum wurde den Kindern zugestanden? Nehmen Sie dazu Stellung.
Erweiterung:
-
Auf welches zukünftige Leben bereitete das Johannesstift die Kinder vor?
Quellen 3 und 4
- Listen Sie auf, aus welchen Gründen und in welchem Alter die Kinder in das Rettungshaus kamen.
- Schildern Sie, wie der Alltag und das Familienleben der Kinder vorher aussahen. In welcher Situation waren die Eltern?
- Stellen Sie zusammen, welche Erziehungsziele und Leitbilder des Johannesstiftes in den Beschreibungen deutlich werden.
- Welche Aussagen gibt es in den Texten darüber, wie die Kinder sich im Johannesstift fühlten? Nehmen Sie dazu Stellung.
Erweiterung:
- Überlegen Sie, wie das Leben der Kinder ohne die Einweisung in das Johannesstift weiter verlaufen wäre.
Quelle 5
- Mit welchen Argumenten versucht die Familie die Entlassung der Tochter bzw. Stieftochter Auguste zu erreichen?
- Aus welchen Gründen verweigern die Behörden eine vorzeitige Entlassung des Mädchens? Wie beurteilen Sie den Konflikt?
Erweiterung:
- Auguste Beckers Mutter lebte nach dem Tod ihres ersten Mannes eine Zeit lang mit ihren Kindern allein. Finden Sie heraus, wie die Situation alleinstehender Mütter in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war.
Quelle 6
- Wie beurteilen die Gründer des Johannesstiftes die gesellschaftliche Situation? Welche Motive nennen sie für ihr Handeln? Welcher Lösungsversuch für soziale Probleme wird gefordert?
Quelle 7
- Wie gelang es, das Projekt „Rettungshaus“ zu finanzieren? Wer war daran beteiligt?
Erweiterung:
- Finden Sie heraus, wie heute soziale Einrichtungen finanziert werden. Welche Rolle spielen Spenden und ehrenamtliches Engagement?
Quelle 8
- Beschreiben Sie, welche gesellschaftlichen Veränderungen die Hausindustrie in Minden-Ravensberg in die Krise führten. Welche Lösung forderten sowohl die Spinner und Weber, als auch Pastor Huchzermeyer und welches Gesellschaftsbild stand dahinter?
Erweiterung:
- Welche anderen Lösungsversuche, Handlungsmöglichkeiten oder Visionen für Reformen gab es damals (z.B. Kommunismus/Sozialismus, Auswanderung nach Amerika u.a.)?
Quelle 9
- Detlev Peukert beschreibt, dass Wichern in der sich entwickelnden Industriegesellschaft Kinder für besonders gefährdet hielt. Warum war das so? Welchen Lösungsansatz vertrat Wichern und welche Utopie verfolgte er?
Erweiterung:
- Finden Sie heraus, welche Gefahren für Kinder und Jugendliche heute diskutiert werden.
1) Namen und Wohnorte beteiligter Personen sind in den Quellen aus Gründen der Anonymisierung verändert worden.
